Alles ist erlaubt aber nicht alles nützt. Alles ist erlaubt aber nicht alles baut auf.
Denkt dabei nicht an euch selbst, sondern an die andern. (1. Kor. 10, 23 - 24)
Vor ziemlich genau 10 Jahren, am Beginn des Jahres 2001, nahm ich als Geschäftführer eines Vereins für Philosophie und Ethik an einer Tagung zu den Themen der Genforschung, insbesondere der Pränataldiagnostik teil. Zu dieser Tagung war auch ein Theologe und Ethiker aus der liberalistischen „Münchner Schule“ eingeladen, der über das Problem aus der Sicht theologischer Ethik berichten sollte. Von dem Vortrag habe ich mir nicht viel gemerkt. Aber eine Äußerung aus der Diskussion will mir bis heute nicht aus dem Sinn gehen. Er vertrat hier die Ansicht, dass wir die Frage nach dem Schutz befruchteter Eizellen wie auch alle anderen ethischen Fragen von Bedeutung ohnehin immer nur im Blick auf uns selbst und unsere eigenen Bedürfnisse und Ansichten entscheiden könnten. Die „Einbeziehung des Anderen“ in unsere Überlegungen hielt er dagegen für unmöglich, insbesondere in einem Fall wie diesem, da befruchtete Eizellen ja noch nicht in der Lage sind, eigene Wünsche und Bedürfnisse zu artikulieren.
Auf der Grundlage eben dieser Einstellung hatte der australische Philosoph Peter Singer bereits 1984 [dt. Ausgabe] einen Beitrag von beträchtlicher Tragweite in die Diskussion eingebracht. Seine Überlegungen hatten zu dem Ergebnis geführt, dass sogar die Tötung von Säuglingen mit einer schweren Behinderung berechtigt sei, wenn die Eltern sich in ihrer Lebensqualität eingeschränkt fühlten, da diese Babys wegen ihrer Behinderung ohnehin niemals als vollwertige Personen würden leben können, die über so einige seiner zugrunde gelegten Kriterien für ein „Personsein“ Rationalität, Selbstbestimmung und Selbstbewusstsein verfügen.
Paulus hat aus seiner Begegnung mit dem Auferstanden eine deutlich andere Schlussfolgerung gezogen. Er schreibt: „Denkt bei all diesen Fragen nicht an Euch selbst, sondern an die anderen!“
Daher möchte ich hier die Stimme „der Anderen“ nun auch noch zu Wort kommen lassen. Ein Klasse behinderter Schüler des Reha-Zentrums in Neckargemünd schrieb nämlich an Prof. Singer einen Brief. Daraus folgende Auszüge:
Sehr geehrter Herr Singer, wir, eine Klasse behinderter Schüler aus Deutschland, haben im Religionsunterricht Auszüge aus Ihrem Buch […] gelesen und mehrere Fernsehaufzeichnungen über Sie gesehen. Danach entstand eine lebhafte Diskussion in unserer Klasse. Zunächst einmal hatten wir den Eindruck, dass Sie sich in die Situation eines Behinderten nicht hineinversetzen können. Als Behinderter lebt man grundsätzlich nicht viel anders als ein Nichtbehinderter. Die Schwierigkeiten tauchen erst auf, wenn man merkt, dass man von der Gesellschaft nicht für voll genommen wird. Wir haben z.B. alle schon mehrfach erlebt, dass Leute uns Geld zustecken und dabei wahrscheinlich denken, sie hätten eine gute Tat vollbracht, obwohl sie uns damit eher kränken, oder dass man ständig wie ein Zootier bestaunt wird […]. Wir haben den Eindruck, dass die folgenden Gedankengänge in ihrem Buch gar nicht berücksichtigt werden.
Als Behinderter wird man schon sehr früh zum Nachdenken über sich selbst und wichtige Lebensprobleme gezwungen. Das führt dazu, dass der Behinderte im Durchschnitt sehr viel schneller reift und meist tiefere Einsichten über das Leben gewinnt als der Nichtbehinderte. […] Wir finden das Leben trotz unserer Behinderung sehr lebenswert und haben uns noch nie den Tod gewünscht […]. “
Die Grenzen christlicher Freiheit sind also egal, wie hoch der Bildungsgrad oder das Einkommen sind auch 2012 darin zu suchen, dass wir prüfen, was „dem anderen dient, was den anderen aufbaut“ , und nicht erst darin, dass wir innehalten, wenn wir auf Verbote und Widerstand stoßen.
Ihr Eckhart Friedrich, Pfarrer