Jesus Christus spricht: Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über keinen. (Joh 8, 15)
Im Alltag bin ich immer wieder gefordert, zu bewerten oder zu beurteilen. Zum Beispiel wenn ich beim Einkaufen zwischen den vielen Brotsorten wähle. Mal geht das nach Geschmack, mal aus dem Bauch heraus. Oder es spielen Preis und handfeste Qualitätsmerkmale eine Rolle. Nur so kann ich mich bei den unzähligen Wahlmöglichkeiten festlegen. Ohne Dinge zu bewerten und zu beurteilen, könnte ich mich nicht entscheiden. Ich würde zögern, bliebe unentschlossen und letztlich hungrig.
Schwieriger ist es beim Beurteilen von Menschen. Auch da gehe ich von meinen Vorlieben und von meinem Geschmack aus. Ich habe feste Vorstellungen davon, wie man sich zu verhalten hat, und was man nicht tut. Ganz menschlich. Manchmal laufe ich Gefahr, die Grenze vom Beurteilen zum Verurteilen eines Menschen zu überschreiten. Damit das nicht passiert, trägt zum Beispiel die Justitia über dem Wittenberger Rathausportal ein Tuch über den Augen. Sie richtet ohne An-Sehen der Person.
Noch weiter geht Jesus. Er will weder die Welt noch einen Menschen richten oder bewerten. Sein Anliegen ist es, uns zu erretten. Er gibt uns nicht auf. Er will uns helfen, schützen und befreien.
Trotz meiner Ecken und Kanten bin ich für Jesus wichtig. Er schaut mich so an, wie Eltern ihre Tochter Nele ansehen, die sie sehr lieb haben. Selbst wenn Nele sich nicht benimmt und Ärger macht. Sie bleibt trotzdem für ihre Eltern liebenswert. Das Verhalten der Eltern ist für Beobachter manchmal schwer zu verstehen: Jetzt müssten sie doch sauer sein und mal eingreifen! Aber sie tun
es nicht. Sie wenden sich Nele zu und nehmen sie an. So wie sie ist, mit ihren Ecken und Kanten. Ich bin dankbar, dass es Jesus gibt. Denn er sieht mich so, wie es uns Menschen zu wenig gelingt.
Ihr Dr. Wolf-Jürgen Grabner
Dozent am Predigerseminar